Insulin im Wandel der Zeit

Die Meilensteine

Die 100 Jahre seit Entdeckung des Insulins durch Banting und Best waren voller weiterer Meilensteine. Durch die stetige Fortentwicklung des Wissens um Insulin sowie der eingesetzten Insulinformulierungen und -moleküle ist die Behandlung mit dem Jahrhundertmedikament heute noch genauso unverzichtbar und lebensrettend – aber in vielen Dingen auch einfacher und effektiver. Gehen Sie mit uns auf eine kurze Zeitreise:

Banting und Best

1921

Am 27. Juli 1921 gelingt dem Chirurgen Frederick Banting und seinem Assistenten, dem Physiologen und Biochemiker Charles Best, erstmals die Isolierung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Hunden.

Die erste Injektion

1922

Am 11. Januar 1922 erhält der 14-jährige Leonard Thompson als erster Mensch mit Diabetes eine Injektion mit Insulin, die jedoch keine Wirkung zeigt. Die Herstellung wird verbessert, am 23. Januar wird Thompsons Behandlung mit Insulin wieder aufgenommen – und dieses Mal wirkt das Insulin, der Blutzuckerspiegel sinkt.

Kommerzielles Insulin

1923

Das Unternehmen Lilly bringt das erste kommerzielle Insulin auf den Markt. Ebenfalls im Oktober bringt auch das Unternehmen Hoechst aus Frankfurt am Main sein Insulin in den Verkauf. 1925 folgt das Insulin des dänischen Unternehmens Novo Terapeutisk Laboratorium (heute: Novo Nordisk).

Erste Insulinspritze

1924

Becton Dickinson führt die erste speziell für die Insulininjektion entwickelte Spritze ein.

NPH-Insulin

1946

Charles Krayenbühl und Thomas Rosenberg aus Hagedorns Arbeitsgruppe finden eine Methode, kristallines Protamin-Insulin herzustellen, was eine Mischung mit schnellwirksamem Insulin ohne Veränderung der Wirksamkeit beider Insuline ermöglicht. Dies ist die Voraussetzung für die Einführung von neutralem Protamin Hagedorn (NPH) Insulin 1950.

Diabetes-Journal

1951

Gegründet 1951 als „Der Diabetiker“ (ab den 1970er Jahren: Diabetes-Journal) ist das Diabetes-Journal heute die größte deutschsprachige Abo-Zeitschrift für Menschen mit Diabetes und ein moderner Special-Interest-Titel.

  • Das Magazin ist erhältlich an allen Kiosken auf Flughäfen und Bahnhöfen – und natürlich im Abonnement (gedruckt oder als eAbo).
  • Das Diabetes-Journal informiert medizinisch kompetent, seriös und auch für neue Patient:innen gut verständlich. Die Autor:innen zählen zu den führenden Experten auf dem Gebiet der Diabetologie. Und natürlich kommen auch die Betroffenen selbst zu Wort.
  • Themengebiete: Medizin, Psychologie, Recht & Soziales, Essen & Trinken, Gesundheitspolitik, Neues aus der Diabetes-Szene.
  • Starke Vernetzung mit dem Portal www.diabetes-online.de, so dass die Leser:innen immer auf dem neuesten Stand sind.
  • Höchste Vertrauenswerte in der aktuellen Befragung von Leser:innen
  • Organ des DDB (Deutscher Diabetiker Bund)

Urin-Teststreifen

1956

Der „Clinistix“ genannte erste Urinzuckerteststreifen wird eingeführt.

Blutzuckerteststreifen

1965

Die US-Firma Ames bringt 1965 den ersten Blutzuckerteststreifen auf den Markt. Der „Dextrostix“ verwendet Glukoseoxidase und benötigt einen großen Blutstropfen (50-100 µL), der nach einer Minute abgewaschen werden muss. Die sich ergebende Farbe des Testreifens wird semiquantitativ mit einer Farbtabelle abgeglichen. Zielgruppe für diesen Teststreifen sind Ärzte. Wenig später bringt Boehringer Mannheim den Chemstrip bG auf den Markt, der etwas einfacher in der Anwendung ist.

Blutzuckermessgerät

1970

Mit dem von Anton Clemens entwickelten Ames Reflectance Meter können Dextrostix Blutzuckerteststreifen erstmals fotometrisch ausgewertet werden. Das Gerät wiegt 1,2 kg und ist für Arztpraxen und Kliniken konzipiert.

Strukturierte Schulung

1978

Die Arbeitsgruppe von Michael Berger startet 1978 in Düsseldorf mit einem strukturierten Schulungs- und Behandlungsprogramm für Patient:innen mit Typ-1-Diabetes zur Durchführung einer intensivierten Insulintherapie.

Die erste Diabetes-Schulungsschwester Deutschlands, Frau Katharina Heininger-Wasser (links), mit Michael Berger und seiner Frau Ingrid Mühlhauser

Erste Insulinpumpen

1981

Nachdem in den 60er Jahren „Insulinpumpen“ noch die Größe von Tornistern für Astronauten hatten, kommen nun erste tragbare Insulinpumpen zur alltäglichen Verwendung durch die Patienten auf den Markt.

Insulinpen

1985

1985 kommt mit dem NovoPen® der erste Insulinpen auf den Markt. Die Einführung der Insulinpens erleichtert die gesamte Insulintherapie sehr, Einmalspritzen zur Applikation des Insulins werden zunehmend verdrängt, zumal ab 1989 als besonders einfache Lösung auch vorgefüllte Fertig-insulinpens zur Verfügung stehen.

DCCT-Studie

1993

Die Ergebnisse der DCCT-Studie etablieren 1993 endgültig die intensivierte Insulintherapie (ICT). In der Studie erhalten 1.414 Menschen mit Typ-1-Diabetes über zehn Jahre entweder eine ICT oder eine konventionelle Insulintherapie mit Mischinsulin. Das Ergebnis: Die intensivierte Therapie bringt nicht nur einen um 1 bis 2 % besseren HbA1c-Wert mit sich, sondern auch ganz klar eine drastische Reduzierung von Mikroangiopathie und Neuropathie. Die Fortsetzung des DCCT durch die EDIC-Studie lässt dann auch noch einen signifikanten Erfolg im Hinblick auf die Makroangiopathie erkennen.

Kurzwirkende Insulinanaloga

1996

Mit Insulin lispro (Humalog®) kommt 1996 das erste Insulinanalogon auf den Markt, 1999 folgt Insulin aspart (NovoRapid®) und 2004 Insulinglulisin (Apidra®). Diese Mahlzeiten-Insuline wirken im Vergleich zu injiziertem Humaninsulin so schnell, dass ein Spritz-Ess-Abstand nicht mehr nötig ist: Bei Lispro beträgt der Unterschied beim Wirkbeginn gegenüber humanem Normalinsulin circa 20 Minuten. Die Wirkung ist gleichzeitig kürzer als mit humanem Normalinsulin und damit besser berechenbar, auf Zwischenmahlzeiten zum Auffangen überschüssiger Insulinwirkung vier bis sechs Stunden nach einer Mahlzeit kann so oft verzichtet werden.

UKPD-Studie

1998

Die Ergebnisse der United Kingdom Prospective Diabetes Study (UKPDS) werden 1998 auf dem EASD-Kongress in Barcelona vorgestellt. Wie schon die DCCT-Studie für Typ-1-Diabetes bringt die UKPDS für Typ-2-Diabetes den endgültigen Beweis, dass eine bessere Blutzuckereinstellung zu einer deutlichen Reduktion von Diabetesfolgeerkrankungen führt.

CGM-Systeme

1999

Die FDA lässt das erste CGM-System zu, entwickelt von der Firma Minimed. Es misst noch verblindet für den Patienten und wird beim Arzt ausgelesen. 2002 folgt mit Glucowatch Biographer der kalifornischen Firma Cygnus das erste “real-time” CGM auf dem Markt. Es wird wie eine Armbanduhr getragen und verwendet reverse Iontophorese, um die Sekretion von subkutaner Flüssigkeit zu stimulieren und darin Glukose zu messen.

Langwirkende Insulinanaloga

2000

Zum neuen Jahrtausend kommt mit Insulin glargin (Lantus®) das erste langwirkende Insulinanalogon auf den Markt. 2004 folgte Insulin detemir (Levemir®). Diese Insuline brachten gegenüber dem NPH-Insulin den Vorteil, dass sie kein Wirkmaximum, sondern ein flaches Wirkprofil aufweisen und damit signifikant weniger Hypoglykämien, vor allem nachts, und eine geringere Gewichtszunahme verursachen. Beide Insuline liegen in klarer Lösung vor, sodass – ein weiterer wichtiger Vorteil gegenüber NPH-Insulin – das Insulin vor der Injektion nicht mehr im Pen geschwenkt werden muss.

Inhalierbares Insulin

2006

Anfang 2006 wird das inhalative Humaninsulin Exubera® des Unternehmens Pfizer von den europäischen und US-amerikanischen Behörden zugelassen. Es wird mit einem Pulverinhalator appliziert. Im Oktober 2007 erklärt Pfizer, dass Exubera wieder vom Markt genommen werde, weil zu wenig Patient:innen es nutzen. Anfang 2008 stellen auch Lilly und Novo Nordisk ihre in der Entwicklung befindlichen inhalativen Insuline aus kommerziellen Gründen ein. Lilly hat damals mit der Firma Alkermes ein pulverförmiges Insulinpräparat namens AIR in der Entwicklung, Novo Nordisk das flüssige Inhalativinsulin AERx. Das 2014 zugelassene inhalative Insulin Afrezza des US-Unternehmens Mannkind ist dagegen noch auf dem Markt.

Diabetes-Eltern-Journal

2008

Wenn das eigene Kind an Diabetes erkrankt, möchten Eltern alles dafür tun, dass ihre Tochter oder ihr Sohn so gut wie möglich behandelt wird. Eine aktuelle und verlässliche Informationsquelle ist das 2008 gegründete Diabetes-Eltern-Journal. Gelesen wird es von Eltern, aber auch von Therapeut:innen, von Betreuer:innen von Kindern mit Diabetes und von betroffenen Kinder und Jugendlichen selbst.

  • Das Magazin ist erhältlich im Abonnement (gedruckt oder als eAbo).
  • Das Diabetes-Eltern-Journal informiert auf dem neuesten Stand der Wissenschaft über medizinische, psychologische und rechtliche Themen. Zudem kommen Eltern und betroffene Kinder und Jugendliche selbst zu Wort und erzählen ihre Geschichte.
  • Die Autor:innen sind führende Expert:innen auf dem Gebiet der Kinderdiabetologie; sie schreiben praxisnah, allgemeinverständlich und mit vielen Beispielen.
  • Starke Vernetzung mit dem Portal www.diabetes-online.de, so dass die Leser:innen immer auf dem neuesten Stand sind.
  • Organ der AGPD (Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Diabetologie)

Zweite Generation der Insulinanaloga

2013

Mit Insulin degludec (Tresiba®, 2013) und Insulin glargin 300 E/ml (Toujeo®, 2015) sowie Faster Insulin Aspart (Fiasp®, 2017) und Ultrarapid Lispro (Lyumjev®, 2020) kommt im Laufe des letzten Jahrzehnts die zweite Generation der lang- bzw. kurzwirksamen Insulinanaloga auf den Markt. Die neueren Basalinsuline weisen gegenüber dem Benchmark Insulin glargin 100 E/ml ein noch flacheres und längeres Wirkprofil und in Folge weniger Hypoglykämien auf. Die neueren Mahlzeiten-Insuline fluten jeweils schneller an und ab als ihre Vorgänger der ersten Generation und ermöglichen so niedrigere Glukosespitzen nach dem Essen.

Blood Sugar Lounge

2014

Die Blood Sugar Lounge, gegründet im Jahr 2014, ist eine Community rund um den Diabetes, die Raum für aktuelle Themen, Vernetzung und Austausch bietet.

  • Die Mitglieder haben Typ-1- oder Typ-2-Diabetes oder einen anderen Diabetestyp; auch viele Angehörige, Partner:innen und Freund:innen von Menschen mit Diabetes sind mit dabei, ebenso viele, die beruflich mit Diabetes zu tun haben.
  • Die BSLounger:innen tauschen sich auf www.blood-sugar-lounge.de aus, treffen sich aber auch in der realen Welt. Mitglieder können sich auch privat austauschen und die vielen Extras der Blood Sugar Lounge für sich nutzen.
  • Jeden Tag erscheinen neue Beiträge aus der Alltagswelt von Menschen mit Diabetes; seit 2020 gibt es außerdem einen Coaching-Bereich, in dem Expert:innen Tipps für den Alltag teilen und über die neuesten Entwicklungen in der Diabetologie informieren.

Biosimilar-Insuline

2015

Nach Auslaufen der Patente der verschiedenen Insulinanaloga kommen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts Biosimilars von Insulin glargin (in Deutschland 2015), Insulin lispro (2017) und Insulin aspart (2020) auf den Markt. Die Insuline haben die identische Aminosäuresequenz wie die Originalpräparate, da jedoch wie schon zu Bantings Zeiten der Produktionsprozess der Proteine Einfluss auf die Wirksamkeit der Produkte hat, durchlaufen diese Biosimilar-Insuline wie andere biologische Medikamente einen aufwendigen Zulassungsprozess, der weit über das bei Generika übliche Procedere hinausgeht.

2021

2021 jährt sich zum hundertsten Mal die Entdeckung des Insulins und damit ein zentrales Ereignis der Medizingeschichte. Gewürdigt wird dies mit einem analogen Festakt in Berlin und einer digitalen Patientenveranstaltung am Samstag, 24. Juli 2021. Seien Sie online "live" dabei. Treten Sie in Interaktion mit unseren Sponsoren und stellen Sie die Fragen, die Sie schon immer stellen wollten. Wir freuen uns auf Sie!

Ausblick

2021

Immer weiter wird an Insulinen geforscht, die ein besseres Leben mit Diabetes ermöglichen sollen. So wird schon länger versucht, ein Insulin zu entwickeln, das vorrangig in der Leber wirkt – also dort, wo Insulin physiologisch wirkt. Teilweise ist die Forschung hier schon recht weit fortgeschritten.

Bei oralem Insulin – also Insulin, das über den Mund aufgenommen wird – ist man auch schon sehr weit. Allerdings braucht man für die orale Gabe sehr große Mengen Insulin, weil ein hoher Anteil des Insulins im Magen-Darm-Trakt zersetzt wird – und das ist unwirtschaftlich. Trotzdem wird an diesem Ansatz weiter geforscht.

Gearbeitet wird auch an thermostabilen Formulierungen – also an Insulin, das bei Raumtemperatur gelagert werden kann, und an smarten Insulinen. Bei smarten Insulinen wird ein Insulindepot in den Körper gebracht. Aus diesem Depot wird das Insulin abhängig von der Glukosekonzentration nach Bedarf kontrolliert freigegeben. Dafür wird Insulin an eine Trägersubstanz gekoppelt und tritt letztendlich aus dem Unterhautfettgewebe in die Blutbahn über.

Impressum:

Redaktionelle Verantwortung: Kirchheim-Verlag
Foto Copyrights: 2015 Eli Lilly and Company, 2013 Schütte/Stanek - Kirchheim-Verlag, 2006 Pfizer/Sanofi, 2000 picture-alliance/dpa/dpaweb_Frank Rumpenhorst, 1999 Kirchheim-Verlag/Frank Schuppelius, 1998 EASD, 1996 mauritius images / Ilka Gdanietz, 1993 dalaprod - Fotolia, 1985 Wulf Quester, 1983 Andreas Thomas, 1978 Dr. V. Jörgens, 1970 Bayer, 1965 Sergey Lavrentev - stock.adobe.com , 1946 picture alliance / ZB | Jens Kalaene, 1924 Andreas Thomas, 1921 Banting und Best von Science Photo Library